Kann man Konflikte gewinnen? Da ist dieser Streit, den ich so gerne gewinnen möchte, denn das wäre einfach nur gerecht. Ich habe Recht, warum sieht das keiner?
Kennen Sie dieses Gefühl, einen Streit gewinnen zu wollen? Vielleicht weil Sie sich ungerecht behandelt fühlen oder weil Sie möchten, dass die andere Person endlich versteht, was deren Verhalten bei Ihnen auslöst. Oder weil Sie sich dieses Mal nichts gefallen lassen wollen.
All das sind verständliche Emotionen.
Wenn wir das Gefühl haben, uns ständig anzupassen, dass unsere Gefühle und Bedürfnisse nicht geachtet werden, wenn wir uns nicht ernstgenommen fühlen.
Doch hier liegt der entscheidende Punkt: Wenn wir Konflikte gewinnen wollen, dann geschieht das auf Kosten von Verbindung, Vertrauen, Offenheit und manchmal der Achtung vor uns selbst.
Konflikte sind keine Wettkämpfe, die einen Sieger brauchen. Konflikte sind Hinweise darauf, dass unterschiedliche Erwartungen, Bedürfnisse oder Grenzen aufeinandertreffen.
Das Wichtigste in Kürze
Warum man Konflikte nicht gewinnen kann
Konflikte kann man nicht wirklich gewinnen, weil ein „Sieg“ meist auf Kosten von Vertrauen, Verbindung oder gegenseitigem Respekt entsteht.
Wenn eine Person sich durchsetzt und die andere innerlich verliert, bleibt der Konflikt oft ungelöst und taucht später in anderer Form wieder auf.
Konflikte lassen sich besser lösen, wenn wir sie nicht als Kampf betrachten, sondern als Hinweis auf unerfüllte Bedürfnisse, verletzte Grenzen oder unterschiedliche Erwartungen.
Eine gute Konfliktlösung gelingt mit gegenseitigem Zuhören und Anerkennung unterschiedlicher Meinung, mit klaren Ich-Botschaften und dem Benennen eigener Bedürfnisse. So entsteht Raum für Verständnis, Klärung und tragfähige Lösungen.
Die wichtigste Erkenntnis:
Nicht Recht haben löst Konflikte, sondern Verstehen, Klarheit und gegenseitiger Wertschätzung.
Inhalts
Warum wir Konflikte oft als einen Kampf ansehen
In manchen Familien wird nicht konstruktiv gestritten und somit haben viele von uns nie gelernt, wie man gut mit Konflikten umgehen kann.
Vielleicht haben Sie als Kind erlebet, dass Streit laut, verletzend oder gar bedrohlich war. Vielleicht wurde in Ihrer Familie geschwiegen, statt es zu besprechen. Manche lernen dann früh: lieber (vorgetäuschte) Harmonie als ehrlicher Streit.
Und heute lösen Konflikte Stress aus. Die einen ziehen sich dann zurück, andere gehen in den Angriff. Wieder andere versuchen zu beschwichtigen, damit bloß keine schlechte Stimmung entsteht (lesen Sie dazu auch meinen Blogbeitrag zur toxischen Positivität in der Familie).
Kennen Sie auch diesen inneren Spagat? Einerseits wollen wir klar sein, dabei andererseits niemanden verletzen. Wir wollen Grenzen setzen, aber nicht egoistisch wirken oder hart. Wir wollen ehrlich sein, aber keinen Streit provozieren.
Konflikte werden dann als Kampf angesehen, den wir gewinnen möchten, anstatt das was sie sein könnten: nämlich eine Möglichkeit, Meinungen zu vertreten, Dinge anzusprechen und Lösungen zu finden.
Einen Konflikt gewinnen wollen?
Einen Konflikt gewinnen zu wollen bedeutet meistens: Wir möchten, dass die andere Person einsieht, dass wir recht haben oder die andere Person schuldig ist.
Es geht dann darum, Argumente zu sammeln oder „Beweise“ vorzulegen, die andere Person zu überzeugen, zu überreden oder vielleicht auch zu beschämen.
Unser Gegenüber soll endlich einsehen, dass er oder sie falsch liegt und nur unser Weg oder unsere Meinung richtig ist. Wenn wir verletzt sind, wollen wir Gerechtigkeit. Wir wollen gesehen werden. Wir wollen, dass unser Schmerz anerkannt wird.
Ein Stück weit ist das verständlich, denn wir versuchen – wie alle Menschen – unsere Bedürfnisse zu erfüllen. Wir sind in dem Moment der Überzeugung, das sei die beste Strategie, das zu erreichen.
Doch wenn wir mit dem Ziel in ein Gespräch gehen, zu gewinnen, entsteht fast automatisch ein Gegeneinander. Dann hören wir einander nicht mehr wirklich zu. Wir rechtfertigen uns oder greifen an.
Und plötzlich geht es nicht mehr um das eigentliche Thema. Es geht nicht mehr darum, dass Sie sich übergangen gefühlt haben. Es geht nicht mehr darum, was Ihnen wichtig ist oder dass Ihre Grenze überschritten wurde. Es geht nur noch darum, wer recht hat.
Und genau dort bleiben viele Konflikte stecken.
Warum Gewinnen in Konflikten selten funktioniert
Ein gewonnener Konflikt klingt zunächst verlockend. Endlich setzen Sie sich durch. Endlich sagen Sie, was Sache ist. Endlich geben Sie nicht wieder nach. Doch was passiert danach?
Vielleicht gibt die andere Person äußerlich nach. Sie sagt: „Ja, ist ja gut.“ Oder: „Dann machen wir es eben so, wie du willst.“ Aber innerlich ist sie nicht wirklich einverstanden. Sie fühlt sich kritisiert, klein gemacht oder übergangen.
Das Ergebnis: Der Konflikt ist nicht gelöst. Er ist nur verschoben.
Vielleicht kommt er später wieder, vielleicht in anderer Form, vielleicht als Rückzug, Gereiztheit, passiv-aggressiver Kommentar oder neuer Streit über ein scheinbar ganz anderes Thema.
Denn ungelöste Konflikte verschwinden selten einfach so. Sie verändern nur ihre Form. Ein Lösungsraum entsteht dabei nicht!
Konflikte sind nicht per se schlecht
Viele Menschen bewerten Konflikte als etwas Negatives. Als Zeichen dafür, dass eine Beziehung nicht stimmt, dass man nicht gut miteinander kann, dass man versagt hat oder dass man „nicht harmonisch genug“ ist. Das ist verständlich, denn im Streit fühlen wir uns oft angestrengt und unwohl.
Doch Konflikte gehören zu Beziehungen dazu. Überall dort, wo Menschen miteinander leben, arbeiten, lieben oder Entscheidungen treffen, gibt es unterschiedliche Sichtweisen, unterschiedliche Bedürfnisse, unterschiedliche Grenzen oder unterschiedliche Erwartungen.
Ein Konflikt bedeutet erst mal nur: wir haben unterschiedliche Ansichten und hier ist etwas Wichtiges. Ein Thema braucht besondere Aufmerksamkeit und Klärung; vielleicht wurden (unbewusst) Grenzen überschritten.
Hinter jeder Auseinandersetzung steckt ein großes Potential, nämlich über all die wichtigen Bedürfnisse und Anliegen zu sprechen, Ansichten zu klären, sich zu öffnen und miteinander zu wachsen (siehe auch mein Blogbeitrag: Konflikte als Chance. Warum Konflikte auch etwas Gutes haben können).
Ein wichtiger Perspektivwechsel: vom Gegeneinander zum Miteinander
Wir wissen also schon, Konflikte kann man nicht gewinnen. Worum geht es also?
Die entscheidende Frage ist: was braucht es, damit wir einander verstehen und eine gemeinsame nachhaltige Lösung finden?
Das bedeutet: Wir steigen aus dem Kampf- oder Rechtfertigungsmodus aus.
Wie geht das? Wir fragen uns:
- Was ist tatsächlich passiert?
- Wie fühle ich mich damit?
- Welches Bedürfnis steckt bei mir dahinter- worum geht es mir genau? Und um welches Bedürfnis könnte es bei der anderen Person gehen?
In diesem Perspektivwechsel wollen wir einander verstehen. Wir müssen dabei nicht mit dem Verhalten der anderen Person einverstanden sein! Dennoch können wir einander mit unseren Anliegen sehen.
Es geht dann nicht mehr darum, dass zwei Positionen verteidigt oder bekämpft werden, sondern das Ziel ist es, Klarheit zu erlangen und eine nachhaltige Lösung möglich zu machen.
„Der Klügere gibt nach“ – löst keine Konflikte
Haben Sie als Kind auch öfter den Spruch gehört: der Klügere gibt nach?
In meinen Augen ist es ein großes Missverständnis zu denken, wer Konflikte friedlich lösen will, gibt nach: Das stimmt nicht. Zumindest nicht auf Dauer. Für den Moment kann es deeskalierend wirken, aber das Thema muss dennoch dauerhaft geklärt werden. Denn für mindestens einen bleibt ein wichtiges Bedürfnis unerfüllt.
Konfliktlösung bedeutet nicht, dass wir alles hinnehmen. Es bedeutet nicht, dass wir uns klein machen. Es bedeutet nicht, dass wir die andere Person verstehen müssen und uns selbst dabei vergessen.
Im Gegenteil: für echte Konfliktlösungen brauchen wir Klarheit.
Wir dürfen sagen, wenn für uns etwas nicht mehr stimmig ist, wenn wir verletzt oder traurig sind, wenn wir uns abgrenzen möchten.
Wichtig ist dabei unsere Haltung. Wir sprechen dabei aus unserem innerem Erleben und bleiben ganz bei uns.
Wir sagen: „für mich kann es so nicht weiter gehen“, ohne zu sagen, „du bist unmöglich, wie kannst du nur“. Wir sprechen in „Ich-Botschaften“ und achten darauf, unsere Gefühle, Bedürfnisse und Wünsche klar, respektvoll und ohne Vorwürfe auszudrücken.
Wertschätzende Kommunikation bedeutet nicht, immer sanft und lieb zu klingen. Sie bedeutet, klar zu sein, ohne verletzend zu werden.
Wertschätzende Kommunikation macht Konflikte nicht automatisch angenehm oder führt zu freudigen Lösungen, aber sie hilft, Konflikte friedlich zu klären, einander besser zu verstehen und respektvoll miteinander weiterzugehen.
Weitere typische Denkfallen in Konflikten
Wenn wir in Konflikten feststecken, liegt das oft nicht nur am Verhalten der beteiligten Person. Es liegt auch an inneren Überzeugungen oder Glaubenssätzen, die uns unbewusst steuern.
Eine häufige Denkfalle lautet „Wenn ich ruhig bleibe, nimmt mich niemand ernst.“
Viele Menschen verwechseln Lautstärke mit Überzeugungskraft und Klarheit. Aber Sie können sehr klar sein, ohne laut zu werden. Manchmal wirkt eine ruhige Grenze sogar stärker als ein wütender Ausbruch.
Auch dieser Gedanke ist verbreitet: „Ich muss sofort antworten.“
Nein. Müssen Sie nicht. Sie dürfen sich Zeit nehmen. Sie dürfen sagen: „Ich möchte darüber nachdenken.“ Sie dürfen ein Gespräch vertagen, wenn Sie merken, dass es gerade nur eskalieren würde.
Und dann gibt es noch eine besonders hartnäckige Denkfalle: „Grenzen setzen ist unfreundlich oder egoistisch.“
Das stimmt nicht. Grenzen setzen ist eine Form von Ehrlichkeit und eine Form der Selbstermächtigung. Grenzen sind nötig, dann damit stehen Sie für Ihre Bedürfnisse ein, aber auch für Ihre Möglichkeiten, Kapazitäten, Ressourcen etc. Manches überfordert oder stresst, dann dürfen wir auf uns achten und beispielsweise eine Bitte nach Mithilfe beim Umzug ablehnen.
Wertvolle Schritte, um Konflikte wirklich zu lösen
Konflikte lösen sich nicht immer im ersten Impuls, besonders dann nicht, wenn wir innerlich aufgewühlt sind. Die gewaltfreie Kommunikation nach M. Rosenberg als eine Kommunikationstechnik und eine besondere Haltung gibt uns praktische Hinweise, wie Konfliktlösung und Deeskalation gelingen kann.
Der erste Schritt ist: innehalten, durchatmen und nicht sofort reagieren.
Danach hilft es, die eigene Wahrnehmung zu sortieren: Was ist passiert? Was fühle ich? Welches Bedürfnis ist berührt? Und was ist mir wichtig?
Im nächsten Schritt sprechen wir aus, worum es wirklich geht, ohne Vorwurf, sondern mit Blick auf das, was uns wichtig ist, am besten in Ich-Botschaften.
Statt „Du hörst mir nie zu“ könnten wir zum Beispiel sagen: „Wenn du während unseres Gesprächs aufs Handy schaust, bin ich irritiert, weil mir Aufmerksamkeit wichtig ist.“
Anschließend können wir eine konkrete Bitte formulieren: Was wünschen wir uns zukünftig im Umgang miteinander?
Je klarer wir formulieren, was wir brauchen, desto leichter kann die andere Person uns verstehen und darauf reagieren.
Wertvoll ist es immer, wenn wir einander achtsam zuhören und versuchen, uns gegenseitig zu verstehen.
So entsteht aus einem Gegeneinander Schritt für Schritt wieder die Möglichkeit für Klärung und Verbindung.
Was sich verändert, wenn Sie Konflikte lösen statt gewinnen wollen
Wenn Sie aufhören, Konflikte gewinnen zu wollen, verändert sich vor allem Ihre Haltung.
Sie gehen nicht mehr mit der inneren Rüstung ins Gespräch: Ich muss mich verteidigen. Sondern mit der Bereitschaft: Ich möchte verstehen und verstanden werden.
Das bedeutet nicht, dass Sie immer ruhig, souverän oder perfekt kommunizieren. Es bedeutet, dass Sie Verantwortung übernehmen: für Ihre Worte, Ihre Grenzen und dafür, wie Sie in Kontakt gehen.
Sie hören anders zu. Sie sprechen klarer aus, was Ihnen wichtig ist. Und Sie setzen Grenzen als Ausdruck Ihrer Selbstachtung. Gleichsam hören Sie anderen gut zu; Sie hören hin, was wichtig ist und achten die Meinung anderer. Denn Meinungsvielfalt ist in Ordnung.
Das kann Beziehungen verändern, manchmal verbindend, manchmal klärend, manchmal ist der Weg auch unbequem.
Denn nicht jeder Konflikt endet damit, dass alle einer Meinung sind. Manchmal ist die Lösung eine neue Vereinbarung, ein ehrliches Gespräch, ein klares Nein oder auch Abstand.
Auch das kann Lösung sein: wenn Sie sich selbst ernst nehmen und nicht länger gegen jemanden kämpfen, sondern für Ihre Bedürfnisse einstehen; wenn Sie Verantwortung für sich übernehmen und Meinungen von anderen sehen.
Fazit: Konflikte wollen nicht gewonnen werden. Sie wollen verstanden werden.
Ein Konflikt ist kein Kampf, den Sie gewinnen müssen.
Er ist ein Signal. Ein Signal dafür, dass etwas nicht stimmig ist, dass etwas nicht im Gleichgewicht ist, dass ein Bedürfnis gesehen werden möchte, dass eine Grenze wichtig geworden ist und dass es Klärung braucht.
Wenn wir versuchen, einen Konflikt zu gewinnen, bleibt oft jemand auf der Streck: Wir selbst. Die andere Person. Oder die Beziehung zwischen uns.
Wenn wir beginnen, Konflikte zu lösen, entsteht etwas anderes: mehr Ehrlichkeit, mehr Klarheit und oft auch mehr Verbindung.
Nicht, weil plötzlich alles harmonisch ist, sondern weil wir Verantwortung übernehmen für uns und nicht mehr gegen die andere Person kämpfen, sondern für etwas einstehen:
Für unsere Bedürfnisse. Für unsere Grenzen.
Für gegenseitiges Verstehen. Für Meinungsvielfalt.
Für eine Kommunikation, die nicht verletzt, sondern klärt.
Wenn Konflikte nicht mehr ausgekämpft, sondern geklärt werden, entsteht Raum für das, was wirklich wichtig ist: Bedürfnisse, Grenzen und gegenseitiges Verstehen.
Möchten Sie einen Konflikt klären und wünschen sich dabei Unterstützung? Dann vereinbaren Sie gern ein Gespräch mit mir. Gemeinsam schauen wir, wo Sie gerade stehen, was Sie brauchen und ob und wie ich Sie auf Ihrem Weg zu mehr Klarheit und Verständigung begleiten kann.
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