Dem Leben eine Richtung geben – Ziele in der Lebensmitte finden

Erika hat keine rechte Lust aufzustehen. Es ist Montagmorgen und sie hat das Gefühl, dies ist der Start in eine Woche exakt so, wie die letzte Woche. Irgendwie dümpelt ihr Leben vor sich hin. Sie würde sich gerne mal wieder so richtig auf etwas freuen.

Nächste Woche ist das Treffen „30 Jahre Abitur“ – pooh schnell ist die Zeit auf jeden Fall vergangen. Vieles hat sie erlebt; aber wenn sie gefragt wird, was sie denn in Zukunft vorhat, jetzt wo die Kinder sich abnabeln und das Haus bald bezahlt ist, da fällt ihr gar nichts Überzeugendes ein.  

Die Lebensmitte ist der Zeitraum, in dem häufig die bisherigen Muster und Werte auf den Prüfstand gestellt werden. Was ist bisher gewesen und was soll noch kommen? So manche/r stellt sich jetzt die Frage, in welche Richtung das Leben nun gehen soll. Mit einem Ziel vor Augen geht es leichter – so heißt es.

Was ist ein Ziel? Wofür brauchen wir Ziele? Welche Arten von Ziele gibt es? Wie finden wir geeignete Ziele und wie schaffen wir es, sie zu erreichen? Haben Ziele auch Nachteile? Diese Fragen wollen wir im Folgenden näher betrachten.

1. Was ist ein Ziel?

Der Duden sagt es uns: „ein Ziel ist etwas, worauf jemandes Handeln, Tun o. Ä. ganz bewusst gerichtet ist, was jemand als Sinn und Zweck, angestrebtes Ergebnis seines Handelns, Tuns zu erreichen sucht“.

Ziele liegen in der Zukunft und drücken damit aus, wie es sein könnte oder sollte. 

Träume sind nicht unbedingt Ziele. Wünsche und Träume sind meist recht unkonkret und liegen zumindest zunächst außer unserer Erreichbarkeit. Ich möchte reich sein, ich will glücklich sein, eine Weltreise wäre schön. Träume geben uns Hinweise, welche Ziele wir uns setzen könnten.

Ziele sind deutlich substanzieller als Träume, die etwas „rosarot“ bleiben – zumindest so lange, bis die Träume durch Konkretisierung zum erreichbaren und machbaren Ziel werden. Beispiel: Mein Traum ist es, eines Tages eine Weltreise zu machen. Ich horche mich vielleicht hier und da etwas um und gucke die ein oder andere Reisesendung, ich unternehme aber nichts aktiv, um den Traum wahrwerden zu lassen.

Wenn ich aber das Ziel habe, eine Weltreise zu machen, dann werde ich vermutlich Geld sparen, Urlaubstage sichern, mögliche Reisestationen aussuchen, mir vornehmen in 6 Monaten eine Route erarbeitet zu haben und in einem Jahr unterwegs sein.  

2. Wofür brauchen wir Ziele?

Wenn wir uns nicht das Ziel setze, eine Weltreise zu machen, dann werde wir wohl nie starten, geschweige denn irgendwo ankommen. Und von Laozi stammt der Spruch: „Nur wer sein Ziel kennt, findet den Weg“.

Natürlich kann man auch ohne Ziele durchs Leben gehen. Man nimmt eben immer das, was gerade kommt. Das kann durchaus auch gelingen. Aber welchen Sinn hat dann unser Handeln?

Vieles wird dadurch beliebig und nicht begeisternd und wird eher nicht zu Zufriedenheit führen. Zudem wird unser Einfluss auf unser Leben beschränkt und es bleibt das Hoffen auf den glücklichen Zufall. Es besteht die Gefahr, dass wir die Ziele oder Erwartungen anderer leben und nicht unsere eigenen.

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Geeignete Ziele geben uns:

2.1. Fokus, Sinn und Orientierung

Ohne Ziel wissen wir nicht, wo wir hinschauen müssen, auf was wir achten müssen oder in welche Richtung es geht.

Wenn wir unser Ziel kennen, können wir unseren Weg so gestalten, dass wir das Gewünschte erreichen. Das Ziel im Fokus, wissen wir, was wir tun müssen, ohne die Situation ständig neu bewerten zu müssen.

Unser Tun hat eine Bedeutung, was unsere Zufriedenheit und unser Glücksempfinden steigert.

2.2. Klarheit

Raus aus dem unbekannten Nebel und dem unsicheren Umherdümpeln. Geeignete Ziele geben uns Klarheit darüber, was wichtig und was unwichtig ist. Wir wissen, wie wir unsere Prioritäten setzen können.

Wir erhalten Klarheit, weil unser Handeln einen Zweck hat.

2.3. Auf dem Weg bleiben

Ziele sind die Wegweiser durch unser Leben. Wir können auf dem Weg bleiben und erliegen nicht den Ablenkungen. Manchmal müssen wir Umwege in Kauf nehmen, aber wir finden auf den Weg zurück.

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2.4. Motivation und Durchhaltevermögen

Wenn wir wissen, wo es hingeht und es dort gut für uns ist, dann sind wir motiviert dorthin zu gelangen. Wir halten besser durch, wenn es mal schwer wird oder wir auf einen Seitenweg ausweichen müssen.

Wir können mit Blick auf das Ziel ungeahnte Energien freisetzen, um das von uns gewünschte Ergebnis wirklich zu erreichen.

2.5. Selbstbewusstsein

Auf dem Weg zum Ziel meistern wir vielleicht schon (schwierige) Etappen. Zu sehen, was wir schon geschafft haben, stärkt uns, gibt uns Selbstvertrauen und motiviert uns weiterzumachen.

2.6. Entscheidungsfähigkeit

Mit einem Ziel vor Augen, können Entscheidungen einfacher und schneller getroffen werden, da sie der Zielerreichung dienen.

2.7. Selbstbestimmung und Eigenverantwortung

Mit einem attraktiven persönlichen Ziel bestimmen wir, wo es langgeht und lassen uns nicht von anderen fremdbestimmen. Wir dürfen die Verantwortung tragen für uns selbst.

Wir sehen, Ziele haben beeindruckende Vorteile und können uns viel Hilfestellung im Leben geben. Stellt sich die Frage, ob es auch Nachteile durch Ziele geben kann.

3. Haben Ziele auch Nachteile?

„Richtig“ gewählte Ziel sollten vor allem eins sein: hilfreich!  

Es kann jedoch auch passieren, dass Ziele

  • Stress erzeugen oder uns zu sehr unter Druck setzen
  • uns überfordern
  • Zu einem Tunnelblick führen, der den Fokus zu eng setzt und wir kleinere Ziele aus den Augen verlieren.

Nehmen wir einmal das Beispiel, wir wollen den nächsten Marathon in der Stadt laufen. Wenn wir nun aber unser ganzes Leben diesem Ziel unterordnen, dann lehnen wir vielleicht eine Essenseinladung ab, weil wir eine Trainingseinheit nachholen müssen und es nicht in den Ernährungsplan passt, dabei sind uns soziale Kontakte auch wichtig.

4. Wie findet man Ziele?

Manchmal sehen wir den Wald vor lauter Bäumen nicht. Wir hätten gerne ein Ziel, aber wir sehen einfach nicht, was wir wirklich möchten.

Es muss vor allem unser eigenes Ziel sein und nicht die Erwartung anderer. Daher dürfen wir uns ganz intensiv befragen, was wir erreichen möchten.

  • Machen Sie sich Ihre Werte und Bedürfnisse bewusst. Was ist Ihnen im Leben wichtig und welchen Themen möchten Sie mehr Raum geben?
  • Erinnern Sie sich an Ihre Träume. Was davon möchten Sie vielleicht jetzt realisieren?
  • Stellen Sie sich vor, es ist Ihr 85. Geburtstag und Ihr bester Freund bzw. Ihre beste Freundin hält eine Rede über Ihr Leben – was möchten Sie gerne hören?
  • Betrachten Sie Ihre einzelnen Lebensbereiche wie Beruf, Verein, Gesundheit, Wohnumfeld, Sport, Familie etc. und überlegen Sie, womit Sie (un-)zufrieden sind. Was möchten Sie verändern, welches neue Ziel können Sie sich vorstellen? Welchen Bereich möchten Sie stärken?
  • In einer Meditation könnten Sie Ihr „Zukunfts-Ich“ befragen. Welchen Rat hat es für Sie?

5. Wie formuliert man wirkungsvolle Ziele?

Wenn Sie ein neues Ziel ins Auge fassen, so sollten Sie einige Dinge beachten, damit Sie durchhalten bis zur Zielerreichung. Es gibt zahlreiche Methoden, die Sie dabei unterstützen können: in der Fachliteratur und im Internet werden Sie fündig.

Ein gängiges Format sind Smart-formulierte Ziele – damit habe ich schon gute Erfahrungen gemacht.

Die Anfangsbuchstaben stehen dabei für ein Kriterium.

  • Spezifisch: Das Ziel konkret und präzise formulieren.
  • Messbar: Die Zielerreichung sollte messbar oder überprüfbar sein.
  • Attraktiv: Sie sollten Lust darauf haben, sind motiviert, dieses Ziel umzusetzen bzw. zu erreichen.
  • Realistisch: Die Umsetzung bzw. das Erreichen des Ziels sollte machbar sein.
  • Terminiert: Planen Sie einen zeitlich verbindlichen Termin oder Zeitraum.

Beispiele:

Erna fasst das Ziel: Bis 15. Januar wird sie die Wände und die Decke des Wohnzimmers ihrer Wohnung mit weißer Farbe streichen, damit am 16. Januar die neuen Möbel gestellt werden können.

Bernadette wird im Juni am Marathonlauf ihrer Stadt teilnehmen. Dafür trainiert sie dienstags mit ihrem Sportverein und freitags mit ihrer Freundin Susi, samstags geht sie ins Fitness-Studio. Als Zwischenziel möchte Sie bis zu ihrem Geburtstag am 25. März 25 Kilometer in Zeit x laufen.

Lizzi und Franz möchten bis zum 20. Mai – dem Hochzeitstag ihrer Tochter, Walzer, Foxtrott und Discofox wieder so sicher tanzen können, wie zu ihrer eigenen Hochzeit. Dazu haben sie einen Tanzkurs gebucht und verabreden sich mit Freunden einmal monatlich zum Tanztee. Außerdem haben sie sich für den 1. Mai zu einem Tanzwettbewerb angemeldet.

Zusätzlich sollten Sie noch folgende Tipps beachten:

  • Die Zielerreichung sollte nicht von anderen Personen abhängig sein, sonst liegt sie nicht in Ihrer Hand.
  • Schreiben Sie Ihr Ziel auf. Das macht es noch verbindlicher. Sonst bleibt Ihr Ziel vielleicht nur ein vager Gedanke. Je nachdem klemmen Sie sich den Zettel an den Spiegel, auf den Kühlschrank oder wie es für Sie passend ist, damit Sie Ihr Ziel immer wieder vor Augen haben.
  • Die Formulierung des Ziels sollte positiv sein. Also nicht: Ich sitze weniger auf dem Sofa. Sondern besser: ich mache täglich einen (20-minütigen) Spaziergang.
  • Setzen Sie sich Zwischenziele, um das Durchhalten zu erleichtern und besser nachjustieren zu können.
  • Gehen Sie nicht zu viele Ziele auf einmal an.

6. Woran erkennen Sie das für Sie geeignete Ziel?

  • Sie können sich das Ziel vorstellen. Und Sie können sich vorstellen, dieses Ziel wirklich zu erreichen.
  • Sie blicken mit Freude oder gar Leidenschaft auf das Ziel. Reicht bloßes Interesse zur Erreichung?
  • Es passt zu Ihren Werten und Bedürfnissen.
  • Sie tragen die Verantwortung für das Ziel und dessen Erreichen– das heißt Sie können bestimmen, wo es lang geht.
  • Es ist von Ihnen genau so groß oder klein gewählt, dass es Sie herausfordert, aber nicht überfordert.
  • Das Ziel bringt sie vorwärts.
  • Ihr Ziel muss in Ihr Lebens- bzw. Zielgefüge integrierbar sein. Wenn das betrachtete Ziel anderen Zielen widerspricht, wird es nicht zu erreichen sein.
  • Spontanität und Umwege sollten weiterhin möglich sein, um Sie nicht einzuengen.

7. Und wie gelingt Ihnen die Umsetzung?

  • Sie merken etwas funktioniert nicht? Passen Sie Ihr Ziel oder den Weg dorthin an. Wenn Sie merken Sie sind doch noch nicht fit genug für den Marathon: Hilft es, die Trainingseinheiten zu verändern oder könnte Ihr neues Ziel für dieses Jahr der Halbmarathon sein? Das bedeutet nicht das Ziel aufzugeben, sondern realistisch zu bleiben.
  • Sie sind von Ihrem „Weg abgewichen“? Seien Sie gnädig zu sich selbst. Morgen ist ein neuer Tag, um im Sinne der Zielerreichung weiterzumachen. Beispiel: Sie konnten sich diese Woche nicht zum Sport aufraffen? Das passiert. Schauen Sie nach vorn und halten Sie Ihr Ziel im Auge und planen Sie die nächste Sporteinheit wieder fest ein.

8. Dem Leben eine Richtung geben –
Ziele in der Lebensmitte

Unterscheidet sich die Zielfindung und -setzung in der Lebensmitte von anderen Phasen des Lebens? Im Wesentlichen gehen wir in allen Lebensphasen den gleichen Weg, aber vielleicht haben wir jetzt einen anderen Blickwinkel auf unser Leben. Immerhin haben wir schon einiges erlebt und wir können möglicherweise besser den Zeitraum „Zukunft“ überblicken.  

  • Neuer Wertekanon

In der Lebensmitte haben wir schon einiges erlebt und könnten somit auf wahre Schätze an Kompetenzen und Erfahrungen zurückblicken. Nicht alles war gut, aber wir konnten doch aus vielem Neues schöpfen. Wir kennen uns jetzt schon recht gut und wissen, was wir brauchen, um Vorhaben wirklich in die Umsetzung zu bringen.

Um ein geeignetes Ziel zu finden, sollten wir uns immer – egal ob mit 20, in der Lebensmitte oder im Rentenalter – unsere Werte bewusst machen. Was ist mir wichtig im Leben? In der Lebensmitte ändert sich das Wertgefüge vielleicht noch einmal.

Ein Beispiel: Die Werte Sicherheit und Familie werden an ihrem ersten Platz der Wertereihe abgelöst von Selbständigkeit und Freiheit. Oder Gesundheit und Lebensfreude stehen nun an erster Stelle statt Karriere und Unabhängigkeit.

Daher lohnt es sich hier ganz besonders nachzuforschen. Oft kommt die Unzufriedenheit in der Lebensmitte daher, dass wir unser Leben nach unseren bisherigen Werten gestalten, anstatt zu bemerken, was uns jetzt wichtig ist.

  • Altes Loslassen

Durch den Blick von der Lebensmitte aus zurück auf Vergangenes und auf die Zukunft wird uns oft klar, dass es nicht nur um Neues geht. Es bedeutet oft auch, Altes loszulassen. Das kann im ersten Moment schmerzlich sein. Liebgewonnen Gewohnheiten müssen vielleicht aufgegeben werden. Freundeskreise verändern sich im Laufe des Lebens, so vielleicht auch jetzt.

Gerade in der Lebensmitte schauen wir oft auf unsere verschiedenen Rollen: Mutter, Partnerin, Tochter, Freundin, Kollegin. Die Schwerpunkte verschieben sich im Laufe der Zeit. Mutter bleibt man immer, aber die Rolle fordert nicht mehr so.

Ein Beispiel: Bisher haben Sie sich in so vielen Dingen nach den Kindern gerichtet. Jetzt sind plötzlich Sie als Mutter nicht mehr so gefragt. Das Nest ist leer. Die Familienzeit ist zu Ende und Sie dürfen sich auf die Paarzeit freuen.

Oder bisher fanden Sie Ihren 50-Stunden Job erfüllend. Sie merken aber, dass Sie beruflich alles erreicht haben und jetzt gerne wieder mehr Zeit für Ihre Partnerschaft und Ihre Hobbies hätten. Für den neuen Job geben Sie Ihre berufliche Stellung auf, gewinnen aber auf anderem Gebiet mehr Lebensfreude.

  • Komfortzone verlassen

Unsere Komfortzone ist nicht immer bequem; aber sie zu verlassen bedeutet Überwindung. Für Veränderungen ist der Schritt notwendig. Dieser Punkt hängt eng zusammen mit dem Aspekt des „Loslassens“.

Neue Ziele sehen wir manchmal erst, wenn wir raus kommen aus der Komfortzone. Ein neuer Blickwinkel zeigt neue Perspektiven.

Um die neuen Ziele umzusetzen, müssen wir den vermeintlich bequemen Bereich hinter uns lassen. Wir kommen in den sog. Angst – und Lernbereich; das ist mitunter anstrengend und wir lernen uns wohlmöglich noch einmal von einer anderen Seite kennen. Wir werden belohnt durch persönliches Wachstum und das Erreichen unseres Zieles. Lesen Sie auch meinen Blogbeitrag zur Komfortzone.

Fazit

Wir brauchen Ziele: immer wieder mal müssen und dürfen wir uns neue Ziele setzen – ein Leben lang, da wir uns im Laufe der Zeit verändern und entwickeln. Ohne neue Ziele droht Stillstand.

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Wenn wir uns über unsere Werte, Bedürfnisse und Gefühle im Klaren sind und uns an ein paar Regeln halten, dann können wir neue attraktive Ziel für uns finden und so unserem Leben immer wieder neuen Sinn und Schwung geben!

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